Ein Impuls zum Bildungswandel
Der Lehrermangel ist kein neues Thema. Seit Jahren diskutieren wir darüber, wie wir mehr Lehrkräfte ausbilden können, um sie dann in ein System zu stecken, das sich im Kern seit Jahrzehnten kaum verändert hat.
Vielleicht sollten wir uns eine unbequeme Frage stellen. Was, wenn der Schlüssel nicht darin liegt, mehr Menschen in das alte System zu bringen, sondern das System selbst zu verändern?
Künstliche Intelligenz kann schon heute vieles leisten, wofür bisher nur Menschen infrage kamen. Sie erklärt, fragt ab, passt Übungen an und misst Fortschritte. In naher Zukunft wird sie mehr können, als wir uns heute vorstellen wollen:
- Fair und nachvollziehbar benoten, ohne menschliche Willkür oder Tagesform
- Fähigkeiten, Stärken und Schwächen tiefenpsychologisch analysieren
- Persönliche Entwicklung gezielt fördern, statt nur Wissen zu prüfen
- Zwischenmenschlich vermitteln und Konflikte erkennen, noch bevor sie eskalieren
- Probleme im familiären Umfeld erahnen, weil sie zwischen den Zeilen lesen kann
Was eine KI nicht kann: beaufsichtigen, trösten, ermutigen, bewegen. Genau dafür bliebe Lehrkräften mehr Zeit und genau das sind die Momente, in denen Menschen unersetzlich sind.
Das vielleicht größte Potenzial liegt in der Fähigkeit, hinter Noten und Leistungen zu blicken. Nicht jedes Kind, das gute Zensuren hat, ist automatisch fleißig oder besonders klug. Und nicht jedes Kind, das schlechte Noten hat, ist automatisch faul oder weniger begabt. Oft sind es Strukturen, Routinen oder einfach das Maß, wie gut ein Kind in das bestehende System passt, die den Unterschied machen.
Heute erkennen wir zu spät, wenn ein Schüler zwar besteht, aber in Wahrheit nie gelernt hat zu lernen. Oder wenn ein stiller Schüler hochbegabt ist, dessen Potenzial aber unbemerkt bleibt. Eine KI könnte Lernverhalten, Motivation und Verständnis in einer Tiefe analysieren, die menschlich kaum möglich ist. So könnte sie verhindern, dass Talente übersehen oder Kinder auf falsche Bahnen gesetzt werden.
Es geht nicht darum, Lehrer abzuschaffen. Es geht darum, ihre Rolle neu zu definieren: weniger Wissensvermittler, mehr Mentor, Coach, Vermittler, Vorbild.
Wir stehen vor einem Bildungswandel, der nicht irgendwann kommt. Er hat längst begonnen. Die Frage ist nicht, ob KI Teil unseres Bildungssystems wird, sondern wie. Warten wir ab, lassen wir uns treiben oder gestalten wir jetzt.
Vielleicht ist es Zeit, nicht nur zu fragen, wie gut ein Kind in die Schule passt, sondern auch, wie gut die Schule zu jedem Kind passt.
Und vielleicht sollten wir uns ebenso fragen, wer dieses Kind werden kann, anstatt nur zu bewerten, wie gut es lernen kann.
Karina Rose - Welten aus Lego