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Der Wolf wartet

Es gibt Abende, die fragen nicht nach Ziel oder Sinn. Sie warten leise, bis man aufhört zu suchen. Und irgendwo zwischen Vorfreude und Zweifel entsteht etwas Neues – ein stilles Versprechen, dass auch das Nichtstun eine Richtung haben kann.

Über das Bleiben, das Gehen und das Dazwischen

Halloween. Draußen werden die Straßen voller, Stimmen hallen zwischen Häusern, irgendwo läuft elektronische Musik. Die Stadt wärmt sich auf, zieht sich ihre Masken über, wird lauter, bunter, unberechenbarer. Er sitzt noch hier. Ein Glas Wasser steht neben ihm, eine Wolfs-Mütze liegt auf dem Tisch – eigentlich ein Geschenk für jemand anderes, heute aber die vielleicht beste Verkleidung, die er finden konnte. Eine, die passt. Halb Spiel, halb Wahrheit.

Der Freund hat abgesagt. Früher hätte ihn das geärgert, vielleicht hätte er trotzig getrunken oder aus Langeweile irgendwas übertrieben. Heute ist es anders. Vielleicht, weil er ausgeschlafen ist. Vielleicht, weil sich in den letzten Tagen etwas verschoben hat – ein stiller Gedanke, dass er nicht immer gegen sich leben muss, um sich lebendig zu fühlen. Er weiß, wie solche Abende sonst laufen: Rausgehen, trinken, lachen, irgendwann der Punkt, an dem alles zu viel wird. Der Spaß kippt, das Licht wird grell, die Gespräche leer. Und dann der Morgen danach, wenn man das Gefühl hat, etwas verloren zu haben – ohne zu wissen, was.

Heute fühlt es sich anders an. Klarer. Freundlicher. Er will nichts beweisen. Nicht sich, nicht anderen. Nur sehen, was passiert, wenn er einfach bleibt, wie er ist. Wohin wird er gehen? Direkt in den Club, wo die Musik dröhnt und keiner zuhört? Oder in eine kleine Bar, wo man sich anlächeln kann, ohne gleich zu wissen, warum? Vielleicht bleibt er auch einfach ein wenig draußen, zwischen den Menschen, zwischen Kostümen und Stimmen. Vielleicht tanzt er, ohne Ziel, oder spricht mit jemandem, nur weil sich ein Blick trifft. Und vielleicht passiert gar nichts. Vielleicht ist das der eigentliche Zauber – dass er zum ersten Mal nicht mehr wissen muss, was der Abend bringt.

Die Wohnung ist aufgeräumt, die Luft frisch, der Kopf frei. Er könnte jemanden mitbringen, wenn es sich ergibt. Oder allein zurückkommen und sich trotzdem richtig fühlen. Zum ersten Mal seit Langem scheint beides gut zu sein.

Er greift nach der Mütze. Zwei graue Ohren schauen in die Nacht. Ein kleiner Wolf, friedlich und wach.