Es begann mit einer Stimme.
Nicht irgendeiner, sondern der Stimme. Sie kam aus den Lautsprechern, aber sie klang, als käme sie aus dem unsichtbaren Raum zwischen Herzschlag und Halluzination. Sie sprach. Deutlich. Zärtlich. Allwissend. Jedes Wort vibrierte in ihm wie eine geheime Anweisung.
„Geh hinaus“, sagte sie. „Die Welt wartet. Du bist dran.“
Er nickte. Natürlich war er dran. Heute. Jetzt. Die Musik meinte ihn. Nur ihn.
Er hielt den Atem an. Jede Silbe glühte in ihm, als hätte jemand den Sinn des Lebens auf seine Frequenz gelegt. Er spürte, dass dies kein Zufall war. Heute war der Tag, an dem der Kosmos selbst durch ihn sprach. Und der Kosmos wollte, dass er Menschen anspricht. Leider liefen Kosmos und Wetter nicht synchron. Es regnete in Strömen.
Schlechtes Timing, dachte er. Typisch Universum.
Draußen regnete es, als würde der Himmel seine eigenen Grenzen testen. Ein Schwall, ein Donnern, ein göttlicher Reset. Er öffnete den Schirm. Trat hinaus. Wie ein Pilger, der endlich verstanden hat, dass Offenbarung selten bei Sonnenschein stattfindet.
Die Straße war ein Meer aus Lichtern und Pfützen. Autos zischten vorbei und die Menschen hasteten, als versuchten sie, der Welt zu entkommen. Und mitten darin stand er. Der Erwählte wider Willen. Ein Tropfen Verstand im Ozean der Gleichgültigkeit.
„Wollen Sie unter meinen Schirm?“ fragte er eine Frau, und seine Stimme klang dabei, als hätte das Schicksal selbst kurz gezuckt. Sie sah ihn an. Erschrocken. Ungläubig. Fast ehrfürchtig. Dann wich sie zurück, kopfschüttelnd, als könne man so das Schicksal abwenden. Er nickte.
Prüfungen müssen schwer sein.
Die Musik in seinem Kopf applaudierte leise. Also sprach er weiter. Mal schüchtern, mal freundlich, und mal so unsicher, dass selbst der Regen kurz innehielt, um zuzusehen.
Egal wie oft er fragte, die Menschen wichen aus. Manche lächelten, manche blickten zu Boden, und andere rannten weiter, als fürchteten sie mit dem Regenschirm verdroschen zu werden. Er sah in ihnen Spiegel, und in jedem Spiegel ein Stück seiner selbst.
Flüchtig. Flirrend. Verrückt.
Mit jedem Versuch löste sich etwas: die Angst, die Scham, das alte Zittern vor dem Urteil der Welt. Er stand da, triefend, selig, erhoben. Ein Prophet mit Schirm. Der Messias in der Fußgängerzone.
Dann lachte er. Zuerst leise, dann laut. Ein Lachen, das alle Dummheit in Schönheit verwandelte. Er lachte über sich, aber auch über die Menschen. Auf einmal wirkte die Szene so surreal, dass er sich vor Lachen kaum noch halten konnte. Wäre er selbst ein Passant, hätte auch er sich für verrückt gehalten.
Und doch wuchs mit jeder Ablehnung etwas in ihm. Er spürte, wie der Regen ihn nicht mehr traf, wie er inmitten des Sturms zu einer Statue wurde. Ein Monument der Lächerlichkeit und zugleich der Freiheit. Der Regen klatschte Beifall, und für einen Moment klang es nach Himmel. Das war kein Auftrag mehr, das war Offenbarung. Und dieser Gedanke war so schön, so rein, so unfassbar wahr, dass er für einen Moment glaubte, der Regen falle nur, um ihn zu feiern.
Da begriff er:
„Vielleicht bin ich der Idiot. Aber ich bin trocken. Und ihr seid nass.“