Ein Wächter, der vergessen hat, warum er wacht.
Sie saß am Küchentisch und starrte auf den Brief. Er lag dort seit Tagen, vielleicht seit Wochen. Ein dünner Umschlag, nichts Dramatisches. Nur ein Formular, das sie ausfüllen und abschicken musste. Aber immer, wenn sie den Stift nahm, fiel ihr etwas ein, das dringender war. Kaffee kochen. Die Fenster putzen. Eine Nachricht schreiben, die nicht warten konnte.
Heute hatte sie sich geschworen, es zu tun. Sie atmete tief durch, zog das Papier zu sich heran, nahm den Stift. Die Hand schwebte über der ersten Zeile.
Da war es wieder.
Dieses leise Gefühl, als würde sich etwas verschieben, kaum merklich, wie ein Schatten, der den Raum kühler macht. Es war nicht das Formular, das schwer wirkte. Es war etwas anderes, unsichtbar, aber bestimmt.
Der Flur in ihrem Kopf war lang und still.
Dort stand er. Der Mann mit dem Schlüsselbund. Er bewegte sich nicht hastig, er musste nicht. Er wusste genau, welche Tür er öffnen musste, um diesen Moment zu verändern.
Ein leises Klicken hallte durch den Flur.
Am Ende öffnete sich eine Tür, und der Zweifler trat heraus. „Vielleicht solltest du erst prüfen, ob du alle Unterlagen hast.“ Noch ein Schlüssel drehte sich. Der Ängstliche kam dazu. „Und was, wenn du es falsch ausfüllst? Besser noch einmal darüber nachdenken.“
Der Schlüsselhüter, den manche auch den Saboteur nannten, wirkte nie laut oder gewaltsam. Seine Macht lag in der Präzision. Er wusste, welche Stimmen er gleichzeitig rufen musste, damit aus einer klaren Absicht ein Geflecht aus Unsicherheiten wurde. Jede geöffnete Tür war ein Impuls, jede Stimme ein kleiner Stein, der ins Wasser fiel und Kreise zog.
Sie saß am Tisch, den Stift in der Hand, und hörte ihre eigenen Gedanken, wie fremde Stimmen, die sich ineinander verschränkten. Die Buchstaben auf dem Formular verschwammen. Ihre Hand legte den Stift beiseite.
Nur für einen Moment, sagte sie sich.
Im Flur steckte der Schlüsselhüter den Bund zurück in die Tasche. Die Türen blieben offen, die Stimmen hallten leise nach.
Und er wusste, dass sie heute nichts mehr tun würde.