Hero Image

Die Sprache der Nähe

Ein Speisesaal, ein Treppenhaus, ein Zimmer voller Stimmen. Und zwischen alldem ein Blick, der stärker war als jedes Wort. Eine Nacht, in der Nähe nicht durch Berührung, sondern durch Schweigen entstand.

Ein Blick genügte

Es begann unscheinbar. Ein Speisesaal voller Stimmen, das Rattern von Tabletts, Teller auf langen Tischen. Ich stand etwas verloren in der Schlange, den Blick auf das Tablett gerichtet, als sie vor mir nach einer Gabel griff. Ein flüchtiger Moment, kaum mehr als ein Nebeneinander. Doch als sie sich umdrehte, begegneten sich unsere Augen. Lange rote Haare fielen über ihre Schulter, und in diesem ersten Blick lag eine stille Aufmerksamkeit, die nicht wieder verschwand.

Wir setzten uns an verschiedene Tische, wie es der Zufall wollte. Doch jedes Mal, wenn ich aufsah, fiel mein Blick unweigerlich zu ihr. Kein Lächeln, nur dieses Wissen, dass der andere da ist. Später, im Treppenhaus, kreuzten wir uns erneut. Ich stieg hinauf, sie hinab, und wir hielten beide kurz inne, als müssten wir einen Satz sagen, für den es noch keine Worte gab.

Am Abend fanden wir uns in demselben Zimmer wieder, gemeinsam mit ein paar anderen. Rucksäcke lagen in den Ecken, jemand kicherte über eine private Nachricht am Handy. Zwischen den Betten herrschte eine lockere Unordnung, wie sie nur auf Reisen entsteht. Ich bemerkte, dass das Bett neben ihrem noch frei war. Es war ein spontaner Impuls, der mich aufstehen ließ. „Wenn es euch nichts ausmacht, würde ich gern hier schlafen“, sagte ich laut genug, dass alle es hörten. Keine Ausrede, kein Flüstern. Einfach der Satz, der ausgesprochen werden musste.

Ein paar lachten, machten sich kleine Späße darüber. Doch sie sah mich an, und in ihrem Blick lag kein Spott. Nur Zustimmung, still und unaufdringlich. Als ich mich hinlegte, trennten uns immer noch mehrere Meter. Aber der Raum zwischen uns war dichter als jede Nähe, die ich zuvor gekannt hatte. Wir sahen uns an, wortlos, minutenlang. Geborgenheit floss nicht durch Berührungen, sondern durch ein Einverständnis, das niemand erklären konnte.

Die Nacht verlief ruhig. Jemand drehte sich im Schlaf um, eine Tür klappte leise, irgendwo draußen surrte der Aufzug. Doch alles, was blieb, war dieser Blick. Ein stilles Band, das kein Geräusch durchtrennen konnte. Am Morgen fuhren wir auseinander, jeder mit seinem Gepäck, jeder mit seiner Richtung. Im Zug nach Hause zündete ich mir eine Tüte an, fast gedankenlos. Der Rauch schmeckte schal, fehl am Platz, und ich drückte sie nach wenigen Zügen aus. Manche Begegnungen verlangen Klarheit. Manche Nähe duldet keinen Nebel.

Und während der Zug ratternd weiterfuhr, blieb in mir die Erinnerung an eine einzige Nacht, in der ein Blick genügte, um das Schweigen zum Leuchten zu bringen.