Hero Image

Die Reise mit dem schweren Koffer

Eine Geschichte über Nähe und Fremdheit, über Erwartungen und Zweifel. Zwei Menschen gehen denselben Weg, aber nicht im gleichen Takt.

Zwischen Nähe und Distanz

Es war ein Nachmittag im Park, irgendwo zwischen schiefen Holztischen und dem Duft von frisch gemähtem Gras. Menschen hatten sich in Gruppen zusammengefunden, Stimmen mischten sich mit dem Klirren von Flaschen. Ich setzte mich zufällig an einen der langen Tische, und dort war sie. Blond, jung, die Augen hellwach, als hätten sie ständig Lust, eine neue Frage zu stellen. Sie sprach schnell, lachte leicht, aber nichts an ihr wirkte oberflächlich. In ihrer Unruhe lag Verstand, Abenteuerlust, etwas, das sofort zog.

Wir redeten, als würden wir uns längst kennen. Über Reisen, über Städte, die wir noch sehen wollten, über Bücher, die keiner sonst zu Ende gelesen hatte. Ich merkte, wie ich mich vorbeugte, wie meine Stimme wärmer wurde, ohne dass ich es steuern konnte. Sie lachte über Dinge, die sonst niemand bemerkte. Und ich wusste: Hier begann etwas, das nicht mit einem Handschlag endete.

Die Reise kam unvermittelt. Ein Zug, ein Fahrplan, und plötzlich war ich unterwegs, mit einem Koffer, der schwerer schien als alles, was ich bisher getragen hatte. Die Treppen in den Bahnhöfen waren endlos, Menschen liefen an mir vorbei, während ich das sperrige Gepäck Stufe für Stufe hochwuchtete. Einmal stolperte ich fast, fing mich wieder, rannte dem nächsten Zug hinterher. Jeder Umstieg war eine Prüfung. Doch immer erreichte ich den Anschluss, atemlos, aber rechtzeitig genug, um nicht zurückzubleiben.

In einem der Waggons sah ich sie wieder. Sie saß am Fenster, drehte den Kopf, und unser Blick traf sich, als wäre es verabredet gewesen. „Du auch?“, fragte sie, und es klang nicht nach Überraschung, sondern nach Bestätigung. Wir fuhren in die gleiche Richtung. Von da an wechselten wir die Züge gemeinsam, liefen durch unterirdische Gänge, zogen unser Gepäck Seite an Seite. Manchmal verloren wir uns kurz im Gedränge, fanden uns aber immer wieder. Als hätten die Wege sich längst entschieden.

Einmal stolperte ich auf einer steilen Treppe, der Koffer rutschte mir fast aus den Händen. Sie lachte hell, griff nicht ein, sondern wartete oben, bis ich keuchend ankam. Ich lachte mit, aber das Gewicht in meinen Armen erinnerte mich daran, dass ich langsamer war.

Später sprachen wir nicht mehr über Orte, sondern über uns. Über Erwartungen. Über Zukunft. Sie hatte klare Vorstellungen: Wohin sie wollte, wie sie leben wollte, was ein Partner an ihrer Seite leisten sollte. Ihre Worte waren fest, fast wie Wegweiser. Ich hörte zu, nickte, antwortete zögerlich. Sie war jünger, schneller, sicherer. Ich fühlte mich neben ihr stiller, schwerer, als müsste ich lernen, meinen Schritt an ihren Rhythmus anzupassen.

Wir wurden ein Paar, ohne es zu beschließen. Es geschah in den Blicken, in den Gesten, in der Selbstverständlichkeit, mit der wir unsere Wege teilten. Wie durch Zufall wohnten wir im selben hohen Gebäude, sie ein paar Stockwerke über mir. Manchmal trafen wir uns im Treppenhaus, lachten über die enge Kabine des Aufzugs. Nähe ohne Verschmelzung, Vertrautheit mit Abstand.

Doch die Fragen ließen nicht nach. Wer würde sich wem anpassen? Während sie ihre Pläne klar aussprach, wurde ich stiller. In mir wuchs der Zweifel, ob mein leiser Takt zu ihrem schnellen Schritt passte. Der Koffer, den ich noch immer im Arm zu spüren glaubte, schien schwerer zu werden.

Auch die Umgebung schwieg nicht. Ihr Vater war da, ernst, prüfend, ohne viele Worte. Seine Blicke sagten mehr als Sätze. Eine Freundin von ihr lächelte kühl, als wollte sie fragen: „Wirklich er?“ Niemand sprach es offen aus, doch das Gewicht lag im Raum.

Ich spürte, wie ich leiser wurde, zurückwich, Worte verschluckte. Und doch blieb sie da, nahm meine Hand im Vorübergehen, suchte meinen Blick im Gespräch mit anderen. Wir waren ein Paar, auch wenn die Welt um uns herum eine andere Sprache sprach.

Eines Abends kam ich die Treppe des Hauses hinauf, den Koffer in der Hand, schwer wie am ersten Tag. Sie war schon ein paar Stufen voraus, leichtfüßig, ohne Last. Oben angekommen, schloss sie die Tür hinter sich. Ich blieb unten stehen, den Griff des Koffers fest umschlossen.

Kein klarer Schluss. Kein endgültiges Ende. Nur dieses Bild: Sie voraus, ich ein Stück dahinter, mit dem schweren Koffer in der Hand.