Zwischen Selbstsuche und Selbstverständnis
„Sag mal Opa, bist du eigentlich erwachsen?“
Der Alte lachte leise, schüttelte den Kopf. Sein Blick schweifte ab, als würde er in einer Erinnerung suchen, die ihm selbst entglitten war.
„Das ist eine merkwürdige Frage. Von außen sieht es vielleicht so aus. Ich habe Rechnungen bezahlt, Entscheidungen getroffen, Menschen enttäuscht und anderen geholfen. Ich habe oft so getan, als hätte ich Antworten. Aber in mir drin warte ich noch immer darauf, dass dieser Moment kommt. Und weißt du was? Der Moment kam nie.“
Das Kind schob die Hände in die Taschen, schaukelte mit den Füßen, als stünde es an einer unsichtbaren Kante.
„Aber in der Schule sagen sie immer, Erwachsene wissen, wie es geht. Sie können kochen, Auto fahren und Häuser kaufen. Sie kennen Regeln und machen keine Fehler mehr. Ich dachte, wenn ich groß bin, weiß ich endlich, wie das Leben funktioniert.“
Der Alte zog die Stirn kraus, als koste ihn der Gedanke ein müdes Lächeln.
„Viele tun so, als wüssten sie es. Manche fühlen sich tatsächlich angekommen, als hätten sie einen Schlüssel gefunden. Aber selbst die stolpern, nur lassen sie es sich nicht anmerken. Erwachsensein ist nicht das Ende der Fragen. Es sind nur andere Fragen, die kommen: Wie zahlt man die Miete, wenn man kein Geld hat? Wie bleibt man ehrlich, wenn alle um dich herum Masken tragen? Wie geht man weiter, wenn man eigentlich stehen bleiben will? Das weiß niemand endgültig.“
Das Kind sah ihn lange an, als müsse es diesen Gedanken drehen wie einen Stein in der Hand.
„Heißt das, ich werde immer ein Kind sein? Auch wenn ich groß bin und alle sagen, ich bin erwachsen?“
Der Alte ließ die Finger über den Stock gleiten, als würde er die Maserung lesen.
„Nein“, sagte er sanft.
„Du wirst wachsen, Verantwortung übernehmen, Dinge lernen, die ich dir noch nicht erklären kann. Aber in dir bleibt immer etwas Kind. Manchmal versteckt es sich, manchmal drängt es sich nach vorn. Und vielleicht ist genau das der Teil, der dich lebendig hält.“
Das Kind lächelte und nickte, als hätte es etwas verstanden. Der Alte erwiderte das Lächeln müde, aber warm. Und zwischen den Jahren, die sie trennten, lag für einen Moment ein stilles Einverständnis.
„Also ist Erwachsensein gar nicht so, wie ich dachte. Es ist nicht nur groß sein und ernst bleiben. Heißt das, man darf trotzdem Quatsch machen?“
Ein stiller Moment entstand. Der Alte hob den Kopf. Und obwohl sie an völlig unterschiedlichen Punkten standen, schien es für einen Augenblick so, als blickten beide in dieselbe Richtung.