Zwischen Neonlicht und Bordstein
Die Nacht frisst die Uhr, und ich lasse sie gewähren. Die Straßen glänzen, nass vom Regen, als hätte jemand die Bühne frisch geputzt. Das Neonlicht flackert, als würde es selbst nicht glauben, dass es noch brennt. Ich hole tief Luft: Rauch. Parfüm. Kalter Schweiß und billiger Gin. Links lacht jemand zu laut. Ein Mann kippt seinen Drink über den Bordstein. Eine Frau in hohen Schuhen balanciert zwischen Pfützen.
Jeder Schritt ein Versprechen, jeder Blick ein Bluff. Und über allem liegt ein Rhythmus, der keine Musik braucht. Das Klirren von Flaschen. Stimmen wie Stiche. Das Rascheln von Geldscheinen, die Besitzer wechseln.
Die Nacht ist kein Ort. Sie ist ein Tier. Man muss ihr ins Maul greifen, um zu spüren, dass man lebt. Manchmal beißt sie. Manchmal küsst sie. Und niemand weiß vorher, welches Spiel sie heute spielt. Ich gehe weiter. Vorbei an Türen, die sich öffnen wie Portale in fremde Welten.
Drinnen: rotes Licht, tanzende Schatten, eine Hitze, die mehr verspricht. Draußen: kalte Mauern, Graffiti, Sprüche, die niemand je zu Ende gedacht hat.
Ein Typ bietet mir Pillen an, bunt wie Smarties. Seine Hände zittern. Ich lehne ab. Er grinst, als hätte er es schon vorher gewusst. Die Barfrau ruft mir zu: Nur ein Drink, nur eine Nacht. Doch ich weiß, wie „nur“ sich anfühlt. „Nur“ hat schon viele hier gefressen. Also bleibe ich draußen.
Und doch – da ist etwas. Eine Energie, die mich trägt. Ich bin nicht allein. Ich bin ein Teil der Straße. Ein Teil der geplatzten Träume. Ein Teil dieser Sehnsucht, die alles überzieht wie Neonstaub. Neben mir stehen Bordsteinschwalben. Rauchend, wartend, lächelnd. Königinnen der kurzen Augenblicke, jede von ihnen ein eigenes Versprechen. Hier bin ich jemand, den niemand kennt. Hier bin ich frei.
Ein Mädchen stolpert, lacht, fällt fast, fängt sich und schreit: „Noch nicht nach Hause!“ Zwei Gestalten küssen sich im Schatten, als würde die Welt gleich enden. Und vielleicht endet sie auch. Aber nicht jetzt. Nicht hier. Die Nacht flüstert mir ins Ohr: „Bleib. Lass dich gehen. Vergiss den Morgen. Er gehört nicht dir.“ Und ich gehorche. Ich laufe weiter, tiefer hinein. Mein Herz schlägt schneller, nicht aus Angst, sondern aus Hunger. Hunger nach diesem Gefühl, dass alles möglich ist. Dass alles erlaubt ist. Dass alles zählt, was jetzt geschieht.
Die Nacht frisst die Uhr, und ich lasse sie gewähren. Morgen wird sie alles verleugnen. Doch heute gehört sie mir – und ich gehöre ihr. Das Tier hat mich verschlungen. Und noch immer schlägt mein Herz im Takt der Nachtschicht.
Musikalisches Echo
Nachtschicht
Nachtschicht - Club Remix