Zwischen Traum und Deutung
Am nächsten Morgen, während er einen Kaffee trank, schrieb er wie immer. Erst die Uhrzeit, dann die ersten Wörter, die noch zu flackern schienen. Während er schrieb, kamen Details zurück, als würde das Papier sie heranziehen. Was war da noch? Er selbst. Ein Freund. Wachleute. Ein Agent. Eine Frau.
Sich selbst und den Freund kannte er. Die anderen lagen daneben wie Gegenstände, deren Gebrauchsanweisung fehlte. Mit den Wachleuten konnte er leben: Rollen, Funktionen, Ordnung. Aber ein Agent? Und dann diese Frau. Schön, mit langen dunklen Haaren, fremd und doch seltsam vertraut. Schon der Gedanke an sie weckte in ihm Gefühle, die er nicht benennen konnte – eine merkwürdige Kombination, leichter als sonst. Er war sicher, sie nicht zu kennen, und doch hatte er sie schon gesehen. Nicht im Alltag, eher dort, wo alles Bedeutung trug, die er nicht verstand.
Er blätterte zurück. Kinosaal. Flur. Dann das Messegelände. Drei Schauplätze, dieselbe Ruhe in ihrem Blick. Keine Drohung, kein Trost; eher eine Präsenz, die sich nicht erklären ließ. Er zog einen feinen Strich unter die Bezeichnung, die kein Name war: „die Frau mit dunklen Haaren“. Daneben schrieb er: „wiederkehrend“. Das Wort sah harmlos aus, fühlte sich aber an wie ein Fund.
Sein Kaffee wurde kalt; er merkte es nicht. Hastig notierte er noch ein paar Splitter: Münzen, Neon, Treppe, Übergabe. Aber was war es, das sie ihm gab? Er spürte, dass es wichtig war. Er legte den Stift ab und schloss die Augen. Das Bild der Frau blieb, als hätte sie sich ins Zimmer gesetzt. In beiden Händen hielt sie etwas, das er nicht klar erkennen konnte. Er öffnete die Augen und schloss sie wieder: Das Bild wurde schärfer. Ein kleiner, goldener Umschlag, kaum größer als eine Postkarte. Sein Inhalt blieb verborgen, doch er spürte sein Gewicht – als läge darin etwas, das er wissen sollte.
Er legte das Notizbuch vor sich auf den Tisch und blätterte langsam, als könnte die Reihenfolge der Seiten etwas verraten, das ihm gestern entgangen war. Zwischen den Notizen standen kleine Pfeile, Kreise um Worte, die plötzlich bedeutsam schienen: Hölle. Kopie. Sturm. Kontrolle. Er zog dünne Linien zwischen Kinosaal, Flur, Messegelände, als würde er eine Karte zeichnen, die erst beim Verbinden der Punkte zu sprechen begann. Er sah die Träume nebeneinander und spürte, dass sie nicht zufällig auftauchte. Sie war kein Vorkommnis. Sie war ein Faden.
Am Nachmittag merkte er, dass die Welt schneller wurde. Der Bus fuhr zu pünktlich, das Supermarktlicht war zu hell, und die Wolken zogen rascher vorbei als sonst. Der Tag verging, als wäre er nur ein Echo der Nacht. Vielleicht wollte er nur schnell zurück – in den Traum, zu der Frau mit den dunklen Haaren.
Für die Nacht wählte er keine komplizierte Technik. Nur eine simple Einschlafmeditation, schlicht und wiederholbar: Die Frau tritt aus dem Halbdunkel. Ihr Gesicht bleibt unscharf, doch ihre Haltung ist eindeutig. In beiden Händen hält sie den Umschlag. Er nimmt den Umschlag entgegen. Er öffnet ihn nicht.
Auf dem Rücken liegend, atmete er ruhig und rief die Szene auf, ohne sie zu halten. Sie kam von selbst, stand im Raum wie ein stilles Möbelstück. Kein Zählen, kein Zwingen. Nur das Gewicht der Decke, die leise Spannung in den Unterarmen, der Rhythmus, der sich von allein einstellte. Als der Gedanke ans Öffnen auftauchte, ließ er ihn vorbeiziehen.
Die Scheinwerfer eines Autos strichen kurz über die Decke und verschwanden. Das Bild blieb, wurde leiser, dann klein. Sein Atem wurde tiefer, die Hände warm. Schließlich schlief er ein.