Vielleicht träumt das Leben uns ebenso, wie wir es träumen.
Was ist ein Traum? Vielleicht kein Ort, den wir nachts betreten, sondern eine Sprache, die wir vergessen haben. Eine Grammatik aus Bildern, die sich weigern, eindeutig zu sein. Manchmal erzählen sie uns nichts über die Vergangenheit, sondern über ein Mögliches, das sich noch nicht entschieden hat.
Ein Traum kann rau sein, voller Körper, Bewegung, Atem. Er kann still sein, wortlos, wie ein Blick, der nicht vergeht. Oder er zeigt uns den Alltag, verschiebt nur Nuancen, bis wir merken: Es ist nicht die Welt da draußen, die wir sehen, sondern die Welt in uns.
Und was ist dann die Wirklichkeit? Wir nennen sie so, weil wir sie teilen können. Weil wir denselben Tisch anfassen, denselben Zug besteigen, denselben Namen aussprechen. Doch wenn wir ehrlich sind, bleibt auch sie flüchtig. Sie entgleitet uns, Stunde für Stunde, bis sie Erinnerung wird – und Erinnerung ist dem Traum näher, als wir zugeben wollen.
Manchmal erscheinen diese Bilder in einer Abfolge, fast wie Stufen, die wir nacheinander betreten: Zuerst der Körper, roh, fordernd, ohne Zärtlichkeit. Dann das Gefühl, leise, fast unsichtbar, doch stärker als jede Berührung. Schließlich die Wirklichkeit: ein gemeinsamer Weg mit Umstiegen, voller Nähe und voller Zweifel.
Drei Gestalten derselben Suche. Drei Spiegel, die dasselbe Gesicht in unterschiedlichem Licht zeigen.
Vielleicht träumen wir nicht nur im Schlaf. Vielleicht träumt das Leben uns ebenso, wie wir es träumen. Zwei Ströme, die sich berühren, ohne sich je ganz zu vereinen. Mal nehmen wir den einen für wahr und den anderen für Illusion. Doch was, wenn beide nur unterschiedliche Spiegelungen desselben Flusses sind?
Dann wären es nicht die Grenzen, die zählen, sondern die Übergänge. Die Tür, die plötzlich offensteht. Der Augenblick, in dem wir bemerken, dass wir hineingehen könnten. Ob wir es tun oder nicht, verändert schon den Raum, in dem wir stehen.
Es gibt Begegnungen, die fühlen sich an wie Antworten, und doch sind sie nichts als Fragen in Gestalt eines Menschen. Sie lassen uns zurück mit einem Nachhall, der nicht verschwindet. Ein Lachen, ein Blick, ein Wort, das man nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
Ob es geschah oder nur geträumt wurde, verliert an Bedeutung. Am Ende bleibt vielleicht nur diese leise, unauflösbare Frage:
Habe ich das nur geträumt – oder beginnt es erst?