Mut im Rückspiegel
Es geschah beiläufig, fast zufällig. Eine Stimme, ein Satz über eine Fliege in der Margarine. So banal, dass er leicht überhört werden konnte. Doch genau dort begann etwas, das lange unerreichbar schien: ein Gespräch. Kein geplantes, kein erzwungenes, sondern eines, das einfach geschah. Und plötzlich war da dieser Moment, in dem Nähe möglich wurde, weil jemand anderes den ersten Schritt tat.
Das Gespräch war kurz, und doch blieb es hängen. Nicht, weil große Worte gefallen wären, sondern weil ihre Art zu denken überraschte. Weil etwas Tiefe aufblitzte, die man nicht erwartet hatte. Und weil Schönheit manchmal nicht im Offensichtlichen liegt, sondern in einer Haltung, einem Gedanken, einem unerwarteten Satz.
Doch kaum hatte sich das Tor geöffnet, war es wieder zu. Sie verschwand, wie Menschen es eben tun, wenn sie weitergehen. Zurück blieb eine seltsame Mischung: Freude darüber, dass Begegnung möglich ist – und Ärger darüber, dass sie so selten kommt. Vor allem aber die bittere Frage: Warum braucht es erst den Mut der anderen, damit man selbst mutig wird?
Es wäre leicht zu sagen: „Das nächste Mal frage ich nach ihrer Nummer.“ Leicht, weil der Gedanke klar ist, wenn die Situation schon vorbei ist. Doch Mut im Rückspiegel ist eine trügerische Währung. Er fühlt sich groß an, kostet aber nichts. Wirklicher Mut entsteht nur im Moment – dort, wo Unsicherheit pocht und das Herz schneller schlägt.
Vielleicht ist es genau dieser Widerspruch, der so schwer auszuhalten ist: dass man weiß, was man könnte, aber es nicht tut. Dass der Bauch längst Ja schreit, während der Kopf noch zögert. Und dass die Gelegenheit schneller vergeht, als man sich selbst überlisten kann.
So bleibt am Ende nur eine stille Erkenntnis: Mut ist selten Besitz. Er ist Besuch. Er klopft an, bleibt für Augenblicke und verschwindet, wenn man nicht öffnet. Doch vielleicht reicht schon die Erinnerung an diesen Besuch, um das nächste Mal nicht zu warten.