Ein Schritt durch die Wand
Er wusste nicht, wie er dort hineingeraten war. Der Raum war dunkel, fast samtig, durchzogen von gedämpftem Licht und flüsternden Stimmen, die aus Lautsprechern kamen, die er nicht sehen konnte. Vor ihm erstreckten sich die Sitzreihen eines Kinosaals, leer bis auf eine Handvoll Menschen, die regungslos in die Stille starrten. Neben ihm stand eine junge Frau. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid, das im Gehen kaum Falten warf. Ihre Haare waren lang und glänzten wie polierter Stein. Ihre Stimme war ruhig, fast freundlich, als sie sagte, sie sei der Teufel. Nicht so, wie man ihn sich vorstellt, fügte sie lächelnd hinzu. Kein Feuer, keine Hörner. Nur Urteil. Und dass es Zeit sei, sein Leben zu zeigen.
Er wollte etwas sagen, aber seine Stimme fühlte sich fern an, wie durch Watte gelegt. Sie führte ihn näher an die Leinwand, wo sich bereits vage Konturen bewegten. Bilder, die ihn betrafen. Noch bevor sie deutlich wurden, fragte er: „Wohin gehe ich? In den Himmel oder in die Hölle?“
„In die Hölle“, antwortete sie, ohne zu zögern.
Etwas in ihm wehrte sich. Nicht laut, nicht sichtbar, aber entschieden. Als er an der Wand vorbei ging, bemerkte er eine schmale Linie. Eine Luke. Er öffnete sie und stieg hindurch.
Was dahinter lag, war kein Schatten, keine Flamme, kein Urteil. Es war eine riesige Lobby. Helles Licht flutete durch Fenster, die bis zur Decke reichten. Menschen bewegten sich darin mit ruhigen, gleichmäßigen Schritten, in makellos gebügelter Kleidung. Die Möbel wirkten teuer, das Ambiente fast luxuriös. An seinem Handgelenk entdeckte er ein rotes Armband. Alle anderen trugen blau. Er senkte den Arm und schob sich durch die Menge. Niemand hielt ihn auf. Niemand sah ihn wirklich an. Ein kleines Restaurant ging von der Lobby ab, unscheinbar, mit warmem Licht. Er betrat es. Die Luft roch nach Gewürzen und einem Hauch Vanille. Er wusste, dass er kein Geld hatte. Er wusste auch nicht, ob er überhaupt hier sein durfte. Aber der Teufel war ihm nicht gefolgt. Und das allein war Grund genug zu bleiben.
Er setzte sich an den Tresen, sagte nichts, hörte zu. Der Barmann wirkte wie jemand, der zwar hier arbeitete, aber nicht frei war. Als dieser kurz in der Küche verschwand, blieb sein Portemonnaie zurück. Ohne lange nachzudenken, griff er zu. Danach veränderte sich alles.
Er verließ das Restaurant. Niemand stellte sich ihm in den Weg. Auch die Lobby hatte sich gewandelt, oder vielleicht hatte er sie nur zuvor nur nicht richtig gesehen. Auf einmal war da ein Ausgang. Kein Tor, kein Alarm. Nur eine offene Tür.
Er trat hinaus. Und stand in einer Welt, die größer war, als alles, was er sich je vorgestellt hatte. Der Himmel war klar, durchzogen von gleitenden Raumschiffen, so groß wie Städte. Die Gebäude wirkten wie aus einer anderen Zeit, eine Zukunft, die niemand geplant hatte, sondern einfach gewachsen war. Links am Gebäude vorbei führte ein Weg, gesäumt von seltsamen Pflanzen, die im Wind kaum zu atmen schienen. Dort entdeckte er eine Frau. Freundlich, wach, ebenso fremd. Sie wechselten ein paar Worte. Die Frau sagte, auch sie sei geflohen. Durch eine Nebentür, nicht durch den Haupteingang.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Ein Boot wartete am Wasser. Kein Fährticket, kein Fahrplan. Sie stiegen einfach ein. Die Stadt kam näher. Nicht laut, nicht chaotisch, sondern wie ein Ort, der weiß, dass er beobachtet wird. Brücken zogen sich über Wasserläufe, Häuser wucherten in lebendigen Formen, als wären sie gewachsen statt gebaut. Menschen gingen ihren Weg, als gehörten sie dazu. Die beiden taten ihr Bestes, nicht aufzufallen.
In der Nähe eines Platzes fanden sie einen Automaten. Ein Hinweis auf ein Büro, das Wohnungen vergab. Ein neuer Anfang, vielleicht?
Dann erwachte er. Und der Film, den er nicht sehen wollte, war für einen Moment vergessen.