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Ohne Idee, aber mit Neugier.

Vier Teile, keine Anleitung. Ein wenig Selbstbeobachtung, etwas Außenwelt und eine Zukunft, die sich hartnäckig weigert, vorab Auskunft zu geben.

Manchmal beginnt etwas, lange bevor man merkt, dass es begonnen hat.

Manche Menschen strukturieren ihr Leben in Kapiteln. Ich habe es eher in Teilen getan. Nicht, weil sie abgeschlossen wären, sondern weil sie sich irgendwann bemerkbar gemacht haben.

Teil 1: mich selbst verstehen.
Teil 2: mich zeigen.
Teil 3: optional.
Teil 4: geheim, vermutlich aus gutem Grund.

Teil 1 – Innenwelt.
Die ersten Jahrzehnte verbrachte ich hauptsächlich damit, mir beim Denken zuzuschauen. Das klingt intellektueller, als es war. In Wirklichkeit war es eher eine Mischung aus Selbstbeobachtung, übertriebenem Grübeln und dem verzweifelten Versuch, der eigenen Psyche eine Bedienungsanleitung zu entlocken, die natürlich nicht existiert. Offenbar wird sie nicht mitgeliefert. Oder sie liegt irgendwo im Keller zwischen alten Kartons und Weihnachtsdekoration, und ich habe sie einfach noch nicht gefunden.

Während andere Menschen in dieser Phase ihr soziales Betriebssystem installierten – Freundschaften, Beziehungen, ein Gefühl für Timing –, beschäftigte ich mich damit, innere Zustände zu katalogisieren, als wären sie seltene Vogelsorten. Auch das ist eine Form von Kompetenz. Man bekommt dafür keine Medaille, aber man kann später sehr präzise erklären, warum man emotional auf Dinge reagiert, die nie stattgefunden haben.

Teil 2 – Außenwelt.
Wie zeigt man sich, ohne sofort das Bedürfnis zu entwickeln, wieder zu verschwinden? Offenbar ist Sichtbarkeit schwieriger, als es die Werbung vermuten lässt. Vielleicht besteht sie darin, innere Inhalte in Sätze zu pressen, bevor sie wieder in die Versenkung diffundieren. Vielleicht besteht sie darin, anderen Menschen rechtzeitig mitzuteilen, dass man existiert. Vielleicht besteht sie darin, nicht jedes Gespräch zuerst intern in eine philosophische Frage zu verwandeln, bevor man überhaupt antwortet. Vielleicht nicht.

Der Punkt ist: Ich weiß nicht, wie das geht. Aber ich merke inzwischen, dass die meisten Menschen es auch nicht wissen. Sie tun nur so. Das beruhigt.

Teil 3 – Nähe (optional).
Teil 3 bleibt weiterhin optional, weil es vermutlich von der Qualität von Teil 2 abhängt. Falls es gelingt, könnte es um Nähe gehen – also dieses rätselhafte Phänomen, bei dem zwei Menschen gleichzeitig im selben emotionalen Raum existieren, ohne dass einer von beiden sofort fliehen möchte. Falls es misslingt, wird Teil 3 durch eine alternative Moduleinheit „Verbesserter Humor und suboptimale Lebensführung“ ersetzt. Auch das ist völlig akzeptabel.

Teil 4 – Zukunft.
Teil 4 bleibt unter Verschluss. Nicht aus dramaturgischer Spannung, sondern aus schierer Unwissenheit. Zukunft weigert sich konsequent, Spoiler herauszugeben. Das ist im Grunde unhöflich, aber universell.


Falls alles gut läuft, werde ich in ein paar Jahrzehnten auf diesen Text zurückblicken und denken:

„Ach herrje. Da war ich gerade dabei, zum ersten Mal Außenwelt zu simulieren.“

Um dann schmunzelnd festzustellen, dass das Leben ohnehin nur aus wackeligen Prototypen besteht, die niemand wirklich freigibt – aber alle irgendwie benutzen.