Wenn die Stadt vergisst
Der Morgen kam nicht mit Licht, sondern mit Schmerz. Erst meldete sich der Rücken, dann der Nacken, dann die Kälte in den Fingern. Er blieb noch einen Moment sitzen, die Decke bis zum Kinn gezogen, und sah auf den nassen Bürgersteig vor sich. Unter der Pappe hatte sich Feuchtigkeit gesammelt. Als er die Hand darunter schob, war sie weich und kalt.
Über ihm tropfte es irgendwo aus einer Rinne. Noch fuhren nicht viele Autos vorbei. Doch die Nacht war vorbei. Gegenüber hing in der leeren Ladenfläche ein Schild hinter dem Glas. Bald Eröffnung. Saubere rote Fläche, weiße Schrift. Dahinter kahle Wände, Staub auf dem Boden und eine zusammengerollte Plane in der Ecke. Selbst leer wirkte der Laden, als würde er bald gebraucht.
Er schob die Decke von sich und richtete sich langsam auf. Das linke Bein brauchte etwas länger. Neben seinem Schuh lag der Pappbecher vom Vorabend. Er hob ihn auf, kippte das Regenwasser aus und drückte den weichen Rand mit zwei Fingern wieder in Form. Danach faltete er die Decke. Nicht ordentlich. Nur so weit, dass er sie am Rucksack befestigen konnte.
Die Tasche stellte er zwischen die Füße und zog den Reißverschluss auf. Zwei Paar Socken. Ein Stück Seife in Papier. Eine halbe Packung Taschentücher. Ein Ladegerät, obwohl das Telefon seit Wochen nicht mehr anging. Das Feuerzeug war auch noch da. Er rauchte nicht mehr regelmäßig, aber wegwerfen wollte er es trotzdem nicht.
Die Straße füllte sich langsam. Erst kam ein Lieferwagen und hielt schräg am Bordstein. Zwei Kisten wurden ausgeladen, Metall klapperte, eine Tür schlug zu. Dann kamen die ersten Leute mit Kaffeebechern vorbei, Mäntel offen, Schritte schnell. Die ersten Blicke des Morgens waren die kürzesten. Sie streiften ihn nur und gingen weiter. Keiner starrte. Keiner blieb hängen.
Er kannte diese Stunde. Er wusste, wann man besser nicht mehr lag. Wann Sitzen noch ging, solange es aussah, als würde man gleich weitergehen. Und wann die ersten begannen, sich an ihm zu stören.
Von der Bäckerei an der Ecke kam warmer Geruch herüber. Fett, Teig, Kaffee. Für einen Moment hob sich seine Hand fast von selbst zur Jackentasche, dorthin, wo früher der Schlüsselbund gelegen hatte. Das passierte noch manchmal. Dann merkte er es und ließ die Hand wieder sinken.
Früher brannte um diese Uhrzeit oft schon Licht in der Küche. Kein schönes Licht. Nur das matte Gelb über der Arbeitsplatte. Auf dem Tisch lagen Schlüssel, Kleingeld, manchmal ein Zettel, den er noch hatte mitnehmen wollen. In der Spüle stand vielleicht noch eine Tasse vom Abend davor. Im Winter gluckerte die Heizung. Und oft roch die Wohnung morgens schon nach Kaffee.
Es war kein besonderes Leben. Gerade deshalb fehlte es ihm jetzt manchmal mehr, als er erwartet hätte. Miete. Schlüssel. Licht. Ein Flur, den er im Halbdunkel kannte. Eine Tür, die hinter ihm ins Schloss fiel. Aber es war nicht nur die Wohnung. Es waren auch die Menschen. Kollegen. Bekannte. Einer, der sich jeden Montag über denselben Bus aufregte. Einer, der immer zu früh da war und schon mit Kaffee in der Hand vor dem Eingang stand. Manchmal ein Feierabendbier. Manchmal nur ein kurzer Satz im Vorbeigehen. Bis morgen. Früher war das ein Satz wie jeder andere. Heute blieb genau daran etwas hängen.
Drüben vor dem neuen Laden tauchte ein Mann mit Schlüsselbund auf. Er stellte einen Eimer ab, schloss auf und zog die Tür nach innen. Kurz darauf stand er mit einem Besen im Eingang und kehrte Glassplitter, Zigarettenreste und den Straßendreck zusammen, der sich an der Kante gesammelt hatte. Die Bewegung saß.
Er zog den linken Schuh fester. Der Senkel war an einer Stelle ausgefranst und ließ sich schwer durchziehen. Während er noch daran arbeitete, fiel sein Blick auf einen Mann, der von der U-Bahn-Seite her kam. Dunkler Mantel, Ledertasche, Kaffeebecher in der rechten Hand. Dann sah er den Gang. Leicht nach vorne gebeugt, als wäre er immer in Eile. Noch bevor er das Gesicht richtig sehen konnte, wusste er, dass er ihn kannte.
Der Mann mit dem Montag. Einer von denen, die immer zu früh da waren. Als der andere näher kam, war auch das Gesicht wieder da. Werkhalle. Pausenraum. Beschlagene Fensterscheiben. Ein Wintermorgen, an dem beide zu früh da gewesen waren und über irgendeinen Unsinn geredet hatten, bis die Schicht anfing. Der Name fehlte. Das Gesicht nicht.
Er sah auf, noch bevor der andere bei ihm war. Der Mann ging erst weiter. Dann verlangsamte er den Schritt. Nur wenig, aber doch genug. Sein Blick glitt über ihn hinweg, kam zurück und blieb hängen. Er sah ihn an, als müsste er sich erst sicher sein. Im Gesicht zuckte kurz etwas. Dann war es gleich wieder weg.
Er richtete sich etwas gerader auf, ohne es zu wollen. Nicht viel. Gerade genug, um nicht ganz verloren auszusehen. Es hätte ein Gruß sein können. Ein Nicken. Ein leises Na, lange nicht gesehen. Mehr brauchte es nicht. Schon das hätte gereicht, um ihn für einen Moment zurückzuholen.
Der Mann hob den Becher an den Mund, obwohl er gar nicht trank. Dann ging er weiter. Nicht hastig. Nicht so, dass es auffiel. Gerade das traf. Er ging einfach weiter. Nach ein paar Schritten war er wieder Teil der anderen. Mantel, Tasche, Kaffee. Schon kurz darauf sah es aus, als wäre nichts gewesen.
Er sah ihm nicht lange nach. Stattdessen nahm er den Pappbecher, schob ihn in die Seitentasche seines Rucksacks, zog den Reißverschluss zu und prüfte noch einmal, ob er wirklich geschlossen war. Dann noch einmal. Nebenan kratzte der Besen über den Stein. Drüben vor dem neuen Laden wurde weiter aufgeräumt. Der Mann mit dem Besen schob den Dreck zusammen und kippte ihn in eine Schaufel. In wenigen Minuten sah der Bürgersteig wieder ordentlich aus.
Er sah noch einmal zu dem Schild hinüber. Bald Eröffnung. Die Worte blieben hängen. Türen, Läden, Bars, Zimmer. Für andere gingen solche Dinge auf. Für ihn nicht.
Für einen Moment fiel ihm ein, wie oft er früher selbst irgendwo hineingegangen war, ohne darüber nachzudenken. In Werkstätten, Kneipen, Büros und Wohnungen. Türen gingen auf, und er ging hinein. Vieles davon hatte er damals kaum bemerkt. Wärme. Stimmen. Bekannte Gesichter. Ein Lachen zwischen zwei halben Sätzen. Jemand, der sagte: Bis morgen.
Als er schließlich aufstand, musste er kurz warten, bis das linke Bein wieder mitmachte. Dann nahm er den Rucksack und zog ihn über die Schulter. Vor dem neuen Laden war der Bürgersteig inzwischen fast sauber. Der gröbste Dreck war weg. Nur unten an der Bordsteinkante hatte sich noch etwas gesammelt. Er blieb einen Moment stehen und sah darauf hinunter.
Dann ging er los, langsam, bevor es aussah, als hätte hier niemand gesessen.